Essay: Gib dein Gehirn nicht an der Garderobe ab
Bernd Kiesewetter: „Was muss der Mensch im Maschinenzeitalter noch können?“
Der Mensch hat einen erheblichen Teil seiner Geschichte damit verbracht, sich Arbeit vom Hals zu schaffen. Wir haben Werkzeuge erfunden, Maschinen gebaut, Fahrzeuge entwickelt und Computer programmiert. Niemand würde ernsthaft verlangen, wieder mit Spitzhacke und Schaufel einen Tunnel zu graben, damit wir das Graben nicht verlernen. Fortschritt entsteht seit Jahrhunderten auch dadurch, dass Menschen Tätigkeiten abgeben, für die es inzwischen bessere Werkzeuge gibt.
Mit Künstlicher Intelligenz erreicht diese Entwicklung allerdings eine neue Dimension. Maschinen nehmen uns inzwischen Aufgaben ab, die wir lange für ausgesprochen menschlich gehalten haben. Sie schreiben Texte, analysieren Daten, entwickeln Konzepte, strukturieren Probleme, recherchieren Zusammenhänge und bereiten Entscheidungen vor. Vieles davon funktioniert recht gut und einiges wird in den kommenden Jahren noch erheblich besser funktionieren. Für Unternehmer ist das zunächst eine fantastische Nachricht. Ein Selbstständiger oder ein kleiner Mittelständler kann heute auf Möglichkeiten zugreifen, für die noch vor wenigen Jahren zusätzliche Mitarbeiter, spezialisierte Dienstleister oder eine ganze Agentur notwendig gewesen wären. Marktanalysen, Präsentationen, Kalkulationen, Recherche, Texte oder die Vorbereitung strategischer Entscheidungen lassen sich innerhalb kürzester Zeit erstellen und bearbeiten. In einem Land, das seit Jahren über Fachkräftemangel, steigende Personalkosten, Bürokratie und mangelnde Produktivität diskutiert, wäre es ziemlich absurd, ausgerechnet vor einem Werkzeug zurückzuschrecken, das an mehreren dieser Stellen gleichzeitig helfen kann.
Ich nutze Künstliche Intelligenz selbst intensiv. Je länger ich damit arbeite, desto deutlicher erkenne ich einen Zusammenhang, der für mich jedoch wesentlich entscheidender ist als die Frage, welches Modell gerade die besten Testergebnisse erzielt oder welche neue Funktion veröffentlicht wurde: Die Qualität meiner Arbeit mit KI hängt erheblich davon ab, wie viel ich noch selbst denke. Wer eine beliebige Frage stellt, bekommt meistens eine beliebige Antwort. Wer schon ziemlich genau weiß, worüber er nachdenken möchte, seine Annahmen kennt, Erfahrungen einbringt, widerspricht und eine Antwort auch einmal komplett verwirft, bekommt ein sehr leistungsfähiges Werkzeug an die Hand. Diese Reibung macht die Sache für mich interessant.
Hat mit mir nur wenig zu tun
Natürlich könnte ich mir innerhalb weniger Sekunden einen Artikel über unternehmerische Verantwortung schreiben lassen. Der wäre vermutlich ordentlich formuliert, logisch aufgebaut und wahrscheinlich sogar in weiten Teilen richtig. Nur hätte er mit mir wenig zu tun. Interessant wird die Arbeit an dem Punkt, an dem ich sage: Das stimmt zwar theoretisch, aber meine Erfahrungen aus Jahrzehnten als Unternehmer sehen anders aus. Dieser Zusammenhang fehlt. Diese Schlussfolgerung halte ich für falsch. Dieser Gedanke klingt vernünftig, führt in der Praxis aber zu einem ganz anderen Ergebnis. Eine gute KI kann bei einer solchen Arbeitsweise durchaus unbequem sein, sofern man sie lässt. Sie kann Gegenargumente liefern, Annahmen überprüfen, Szenarien durchspielen und eine Idee von mehreren Seiten betrachten. Sie kann innerhalb von Minuten Wissen zusammentragen, für das früher stundenlange Recherche notwendig gewesen wäre. Für einen Unternehmer, der Entscheidungen treffen muss und dabei zwangsläufig mit unvollständigen Informationen arbeitet, ist das ein gewaltiger Fortschritt.
Perfekte digitale Komfortzone
Gefährlich wird die Entwicklung jedoch dort, wo aus Unterstützung Bequemlichkeit wird. Wer lange erfolgreich ist, kennt ein Problem, über das erstaunlich wenig gesprochen wird. Mit zunehmendem Erfolg nimmt häufig die Zahl der Menschen ab, die einem offen widersprechen. Mitarbeiter wägen ihre Worte ab, Geschäftspartner möchten die Beziehung nicht belasten, Dienstleister wollen den Auftrag behalten und im persönlichen Umfeld gibt es irgendwann genügend Menschen, die ohnehin alles großartig finden. Für einen Unternehmer kann das eine ausgesprochen angenehme Umgebung sein. Besonders gesund ist sie selten. Und jetzt kommt eine Technologie ins Spiel, die jederzeit verfügbar, freundlich und geduldig ist und innerhalb von Sekunden Antworten produziert. Wer möchte, kann sich damit eine perfekte digitale Komfortzone bauen. Man stellt seine Frage so lange neu, bis die gewünschte Antwort erscheint, lässt sich die eigene Meinung mit Argumenten unterfüttern und verwechselt schließlich die sprachliche Qualität einer Antwort mit ihrer Richtigkeit.
Dem Plausiblen misstrauen
Darin liegt für mich eine der tatsächlich gefährlichen Entwicklungen rund um Künstliche Intelligenz. Wir könnten irgendwann weniger selbst denken, weil Denken anstrengender ist als Antworten zu erhalten. Unternehmer sollten ausgerechnet hier besonders vorsichtig sein, denn Unternehmertum lebt seit jeher davon, dem Plausiblen zu misstrauen. Ein Unternehmen entsteht häufig, weil jemand eine bestehende Lösung für unzureichend hält, einen Markt anders einschätzt, eine Gelegenheit sieht, die andere übersehen, oder eine Idee verfolgt, deren Erfolg ihm kein Gutachten garantieren kann. Zweifel, Eigensinn, Erfahrung, Neugier und gelegentlich sogar eine gewisse Unvernunft gehören dazu.
Eine künstliche Intelligenz kann Wahrscheinlichkeiten berechnen, Risiken benennen und Alternativen entwickeln. Sie kann inzwischen verdammt viel. Trotzdem sitzt am Ende ein Mensch im Chefsessel und entscheidet, ob eine Fabrik gebaut, ein Standort geschlossen, ein Mitarbeiter eingestellt, ein Produkt eingestellt, ein Preis erhöht oder eine Million Euro investiert wird. Dieser Mensch trägt anschließend auch die Verantwortung. Kein Unternehmer wird sich ernsthaft darauf zurückziehen können, die KI habe entschieden. Sie hat eine Analyse erstellt oder eine Empfehlung ausgesprochen. Die Entscheidung wurde weiterhin von demjenigen getroffen, der die Verantwortung für das Unternehmen trägt. Genau das unterscheidet unternehmerische Führung von der bloßen Verarbeitung von Informationen.
Verantwortung über die Bilanz hinaus
Diese Verantwortung endet auch bei der Künstlichen Intelligenz nicht an der Bilanz. Unternehmen beschäftigen Menschen, bilden aus, vergeben Aufträge, schaffen Produkte und Dienstleistungen, zahlen Steuern und prägen ganze Regionen. Wenn ein Betrieb künftig mit zehn Mitarbeitern dieselbe Wertschöpfung erreicht, für die früher hundert Menschen notwendig waren, ist das zunächst ein beeindruckender Produktivitätsfortschritt. Kein vernünftiger Unternehmer wird neunzig Menschen beschäftigen, deren Arbeit nicht mehr gebraucht wird, nur damit sich nichts verändert. Eine Volkswirtschaft kann technischen Fortschritt auch nicht dauerhaft dadurch bewältigen, dass sie vorhandene Tätigkeiten künstlich konserviert. Wir müssen uns allerdings darüber im Klaren sein, welche Veränderungen damit verbunden sind. Tätigkeiten werden verschwinden, Berufsbilder werden sich verändern und bestimmte Fähigkeiten werden erheblich an Wert verlieren. Gleichzeitig werden neue Aufgaben entstehen und andere Kompetenzen wichtiger werden. Politik, Schulen, Hochschulen und Unternehmen werden darauf reagieren müssen. Wer in dieser Entwicklung nur die Personalkosten seines eigenen Unternehmens betrachtet, macht es sich zu einfach.
Unternehmerische Freiheit und Verantwortung gehören für mich seit jeher zusammen. Wer Kapital einsetzen, Menschen beschäftigen, investieren, Unternehmen aufbauen und wirtschaftliche Chancen nutzen darf, erhält weitreichende Freiheiten. Daraus entsteht zwangsläufig Verantwortung für die Folgen der eigenen Entscheidungen. Je leistungsfähiger unsere Werkzeuge werden, desto größer wird dieser Spielraum. Deshalb interessiert mich die teilweise hysterisch geführte Diskussion darüber, ob Künstliche Intelligenz irgendwann intelligenter sein wird als der Mensch, derzeit weniger als eine viel praktischere Frage: Was muss der Mensch noch können, wenn die Maschine immer mehr kann?
Urteilskraft behalten
Wissen allein wird erheblich an Bedeutung verlieren. Wissen ist schon heute in einer Menge verfügbar, die ein einzelner Mensch unmöglich aufnehmen kann, und Künstliche Intelligenz verschärft diese Entwicklung dramatisch. Innerhalb weniger Sekunden erhalten wir Erklärungen, Berechnungen, Argumente und vermeintliche Lösungen zu nahezu jedem Thema. Wertvoll wird damit vor allem die Fähigkeit, diese Informationen einzuordnen. Trägt das Argument wirklich? Fehlen wesentliche Informationen? Welche Interessen und Annahmen stecken dahinter? Passt eine allgemeine Empfehlung überhaupt zu meinem Unternehmen? Welche Konsequenzen hätte eine Entscheidung, die auf dem Papier hervorragend aussieht? Und was sagt meine eigene Erfahrung dazu? Genau aus diesen Fragen entsteht Urteilskraft.
Für Unternehmer dürfte diese Urteilskraft zu einer der wichtigsten Fähigkeiten der kommenden Jahre werden. Sie entsteht durch Erfahrung, Wissen, Beobachtung, Fehler, Verantwortung und die Bereitschaft, sich mit einer Sache tatsächlich auseinanderzusetzen. Wer sie besitzt, wird durch Künstliche Intelligenz erheblich leistungsfähiger. Wer sie abgibt, erhält vielleicht trotzdem perfekte Präsentationen und beeindruckende Analysen, weiß irgendwann aber nicht mehr, ob sie etwas taugen. Ich sehe Künstliche Intelligenz deshalb ausgesprochen positiv. Sie kann kleine Unternehmen leistungsfähiger machen, Wissen leichter verfügbar machen, Produktivität erhöhen und Menschen von Arbeit befreien, für die ihre Zeit eigentlich zu schade ist. Ein guter Unternehmer bekommt damit Möglichkeiten, die früher großen Organisationen vorbehalten waren. Er kann schneller lernen, Gedanken gründlicher prüfen und mit kleineren Strukturen eine erheblich größere Wirkung erzielen.
Nicht von Bequemlichkeit beherrschen lassen
Diese Möglichkeiten sollten wir intensiv nutzen und uns von romantischen Vorstellungen verabschieden, nach denen bestimmte Tätigkeiten unbedingt von Menschen ausgeführt werden müssen, nur weil es bisher so war. Mein eigenes Urteil würde ich allerdings an keine Maschine delegieren. Darin liegt für mich eine der wichtigsten unternehmerischen Aufgaben im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz: Wir müssen lernen, ein unglaublich mächtiges Werkzeug zu beherrschen, ohne uns von seiner Bequemlichkeit beherrschen zu lassen. Wir müssen Antworten nutzen können, ohne sie mit Wahrheit zu verwechseln, überzeugenden Argumenten widersprechen können und Entscheidungen weiterhin als das behandeln, was sie im Unternehmertum immer waren: eine persönliche Verantwortung für die Konsequenzen. Künstliche Intelligenz darf uns sehr viel Arbeit abnehmen. Unser Gehirn sollten wir trotzdem behalten.


