Essay: Die Krise haben anscheinend immer die anderen
Bernd Kiesewetter: „Ist unsere Anpassungsfähigkeit größer als der Abgesang auf die deutsche Wirtschaft vermuten lässt?
Die wirtschaftliche Stimmung in Deutschland folgt seit Jahren einem bemerkenswerten Muster. Fragt man die Menschen nach der Lage des Landes, fallen die Antworten meist deutlich pessimistischer aus als bei der Frage nach der eigenen Zukunft. Die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts wird infrage gestellt, die wirtschaftlichen Perspektiven werden skeptisch bewertet und kaum eine Debatte kommt ohne den Hinweis aus, dass Deutschland vor erheblichen strukturellen Problemen steht. Geht es dagegen um die persönliche Situation, den eigenen Arbeitsplatz, das eigene Unternehmen oder die Zukunft der Familie, zeigt sich häufig ein deutlich anderes Bild.
Die Krise scheint allgegenwärtig zu sein, nur erstaunlich oft nicht im eigenen Leben. Dieser Widerspruch ist interessant, denn eigentlich müsste eine Gesellschaft, die tatsächlich von einer tiefen und dauerhaften Krise überzeugt ist, anders urteilen und vor allem handeln. Menschen müssten Investitionen verschieben, ihren Konsum drastisch einschränken, unternehmerische Risiken vermeiden und Zukunftspläne auf Eis legen. Genau das geschieht aber nur begrenzt. Trotz aller schlechten Nachrichten wird investiert, gereist, gebaut, gegründet, eingestellt und übernommen.
Natürlich bedeutet das nicht, dass die wirtschaftlichen Probleme Deutschlands nur eingebildet wären. Im Gegenteil. Viele davon sind real, gravierend und längst im Alltag von Unternehmen angekommen. Doch möglicherweise zeigt sich hier gleichzeitig eine Stärke, über die wir allzu selten sprechen: die Fähigkeit von Menschen und Unternehmen, mit schwierigen Bedingungen umzugehen, sich anzupassen und ihre eigene Zukunft eben nicht ausschließlich von der allgemeinen Stimmung abhängig zu machen.
Die Probleme existieren – und ja, sie sind ernst
Ich halte nichts davon, Schwierigkeiten schönzureden oder berechtigte Kritik mit einem oberflächlichen Optimismus zu beantworten. Deutschland hat strukturelle Probleme, und einige davon begleiten uns bereits seit vielen Jahren.
Die demografische Entwicklung ist besorgniserregend, dringend notwendige und grundlegende Reformen der Kranken- und Pflegeversicherung, der Rentenversorgung und der Sozialhilfe bleiben aus oder werden nur halbherzig gelöst. Gleichzeitig wächst die Produktivität zu schwach und Unternehmen klagen zu Recht über hohe Kosten, lange Genehmigungsverfahren, zunehmende regulatorische Anforderungen und eine Bürokratie, die nicht selten jede unternehmerische Vernunft vermissen lässt. In vielen Branchen ist der Fachkräftemangel längst kein theoretisches Zukunftsszenario mehr, sondern tägliche Realität. Unsicherheiten in der Energieversorgung, geopolitische Risiken und eine wirtschaftspolitische Verlässlichkeit, die viele Unternehmer zunehmend vermissen, ergänzen diese Liste nur unvollständig.
Man muss diese Probleme benennen, weil sie nicht verschwinden, wenn man sie ignoriert. Und doch erlebe ich seit Jahren einen bemerkenswerten Unterschied zwischen der allgemeinen Beschreibung der Lage und dem tatsächlichen Verhalten vieler Unternehmer. In Gesprächen wird über Bürokratie, Politik, Fachkräftemangel und Kostenentwicklung geklagt, manchmal vollkommen zu Recht und manchmal mit einer Leidenschaft, als wäre der Untergang des eigenen Unternehmens unmittelbar bevorstehend. Nur wenig später geht es dann um den Neubau einer Halle, die Übernahme eines Wettbewerbers, eine zusätzliche Niederlassung, die Anschaffung neuer Maschinen oder den Aufbau eines neuen Geschäftsfeldes. Die Krise wird gesehen, aber sie führt keineswegs zwangsläufig zum Stillstand.
Statistiken entscheiden nicht über das einzelne Unternehmen
Vielleicht liegt ein Teil der Erklärung darin, dass volkswirtschaftliche Analyse und unternehmerische Realität zwei unterschiedliche Perspektiven darstellen. Volkswirtschaftliche Betrachtungen arbeiten notwendigerweise mit Durchschnittswerten, Wachstumsraten, Indizes und langfristigen Entwicklungen. Das ist wichtig, weil wirtschaftspolitische Entscheidungen ohne solche Daten kaum möglich wären. Nur lebt und agiert kein einziger Unternehmer im volkswirtschaftlichen Durchschnitt.
Der Unternehmer kennt seinen Markt, seinen Auftragsbestand, seine Kunden, seine Mitarbeiter und seine Liquidität. Er weiß, welche Produkte gefragt sind, wo Margen unter Druck geraten und wo sich neue Möglichkeiten ergeben. Er erlebt Veränderungen früher als viele Statistiken sie abbilden und reagiert häufig schneller, als es große Systeme jemals könnten.
Der Inhaber eines Maschinenbauunternehmens kennt dieselben wirtschaftlichen Kennzahlen wie der Wirtschaftsforscher. Seine Investitionsentscheidung orientiert sich trotzdem nicht allein an der allgemeinen Konjunkturlage, sondern an seiner Marktposition, seinen Kundenbeziehungen und seinen Erwartungen an die kommenden Jahre. Ein Handwerksbetrieb stellt einen zusätzlichen Mitarbeiter ein, weil die Auftragslage es verlangt. Ein Hotel wird modernisiert, weil der Betreiber eine Chance sieht. Ein Unternehmen übernimmt einen Wettbewerber, weil sich eine Gelegenheit ergibt, die möglicherweise so schnell nicht wiederkommt.
Wirtschaft entsteht eben nicht allein aus großen politischen Entscheidungen oder allgemeinen Stimmungsbildern. Sie entsteht aus Millionen einzelner Entscheidungen, die auf höchst unterschiedlichen Erfahrungen, Voraussetzungen und Erwartungen beruhen. Und vielleicht liegt genau darin eine der größten Stärken einer marktwirtschaftlichen Gesellschaft.
Anpassungsfähigkeit ist ein wirtschaftlicher Faktor
Ich habe in fast vier Jahrzehnten als Unternehmer einige Krisen erlebt. In jeder einzelnen von ihnen gab es gute Gründe für Pessimismus, und fast immer gab es Menschen, die überzeugt waren, dass diesmal wirklich alles anders sei und der wirtschaftliche Niedergang kaum noch aufzuhalten wäre.
Manche Unternehmen sind tatsächlich verschwunden, ganze Branchen haben sich verändert und manche Geschäftsmodelle sind heute nur noch Erinnerungen an eine andere Zeit. Gleichzeitig sind andere Unternehmen stärker geworden, neue Märkte entstanden und Geschäftsmodelle entwickelt worden, die vorher niemand ernst genommen hätte. Das wird in der Diskussion über Krisen häufig unterschätzt.
Unternehmen sind keine unbeweglichen Gebilde, die den äußeren Umständen schutzlos ausgeliefert sind. Jedenfalls sollten sie es nicht sein. Sie reagieren auf steigende Kosten mit effizienteren Prozessen, suchen neue Lieferanten, verändern ihre Angebote, erschließen andere Zielgruppen oder nutzen neue Technologien. Märkte verändern sich, Kundenbedürfnisse verschieben sich und Wettbewerber verschwinden. All das erzeugt Risiken, aber eben auch Chancen.
Natürlich gelingt diese Anpassung nicht jedem. Manche Unternehmer reagieren zu spät, halten zu lange an alten Strukturen fest oder weigern sich, offensichtliche Veränderungen anzuerkennen. Auch das gehört zur Wahrheit. Doch gerade deshalb ist es falsch, eine Volkswirtschaft ausschließlich als Opfer ihrer Rahmenbedingungen zu betrachten.
Politische Entscheidungen können Wachstum fördern oder verhindern, sie können Unternehmen entlasten oder behindern und sie können Vertrauen schaffen oder zerstören. Aber zwischen den politischen Rahmenbedingungen und dem wirtschaftlichen Ergebnis liegen immer noch die Entscheidungen von Millionen Menschen.
Untergangsprognosen unterschätzen den Menschen
Vielleicht ist genau das der Grund, warum viele Untergangsprognosen am Ende nicht in der Form eintreten, in der sie ursprünglich formuliert wurden. Die zugrunde liegenden Analysen sind häufig keineswegs falsch. Die Probleme bestehen tatsächlich. Unterschätzt wird jedoch die Reaktion auf diese Probleme.
Denn Menschen verändern ihr Verhalten. Unternehmen passen ihre Preise an, automatisieren Abläufe, suchen neue Märkte, verändern ihre Produkte oder trennen sich von Bereichen, die nicht mehr funktionieren. Manche Entscheidungen sind erfolgreich, andere nicht. Doch die wirtschaftliche Entwicklung verläuft deshalb fast nie so geradlinig, wie es Prognosen vermuten lassen.
Genau diese Anpassungsfähigkeit ist eine der großen Kräfte des Unternehmertums. Unternehmer warten im besten Fall nicht darauf, dass die Welt sich ihren Vorstellungen anpasst. Sie verändern ihr Handeln, wenn sich die Welt verändert. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht.
Denn in schwierigen Zeiten wächst die Versuchung, den eigenen Handlungsspielraum kleiner zu machen, als er tatsächlich ist. Dann sind plötzlich die Politik, die Konjunktur, die Mitarbeiter, die Kunden, die Banken oder der Markt für alles verantwortlich. All diese Faktoren können zweifellos eine Rolle spielen, und manchmal sind die äußeren Bedingungen tatsächlich ausgesprochen schlecht. Trotzdem bleibt fast immer die Frage, was man selbst daraus macht. Und die Antwort auf diese Frage ist am Ende entscheidender als die Frage, ob die Welt gerecht oder ungerecht ist.
Pessimismus ist keine wirtschaftliche Strategie
Ich will damit keineswegs einen billigen Zweckoptimismus bedienen, nach dem wir nur fest genug an eine gute Zukunft glauben müssten und schon werde alles besser. Wirtschaft funktioniert nicht durch positive Gedanken allein, und strukturelle Probleme verschwinden nicht, weil man sie ignoriert. Ebenso wenig überzeugt mich allerdings ein Dauerpessimismus, der aus jedem Problem zwangsläufig den nächsten Untergang ableitet.
Wer als Unternehmer permanent auf Berlin, Brüssel, Washington oder Peking zeigt, sollte darauf achten, nicht den Blick für das eigene Unternehmen zu verlieren. Man kann schlechte Politik kritisieren und gleichzeitig die eigenen Prozesse verbessern. Man kann unter Bürokratie leiden und dennoch effizienter werden. Man kann den Fachkräftemangel beklagen und gleichzeitig daran arbeiten, ein attraktiverer Arbeitgeber zu sein. Man kann einen schwierigen Markt erleben und trotzdem den eigenen Vertrieb professionalisieren, neue Zielgruppen erschließen oder Produkte verändern. Das eine schließt das andere keineswegs aus.
Im Gegenteil. Gerade in schwierigen Zeiten zeigt sich, wie ernst ein Unternehmer seine eigene Verantwortung nimmt. Nicht, weil er an allem schuld wäre, sondern weil Verantwortung etwas anderes bedeutet als Schuld. Verantwortung bedeutet, den eigenen Handlungsspielraum zu erkennen und ihn zu nutzen. Vielleicht trauen wir uns selbst mehr zu, als wir dem Land zutrauen. Möglicherweise erklärt das auch die Diskrepanz zwischen der öffentlichen Krisenwahrnehmung und der persönlichen Zukunftserwartung vieler Menschen. Sie sehen die Schwierigkeiten, glauben aber gleichzeitig daran, mit ihnen umgehen zu können. Der Unternehmer hält die wirtschaftliche Lage für problematisch und investiert trotzdem. Der Arbeitnehmer liest schlechte Nachrichten und geht dennoch davon aus, dass sein eigener Arbeitsplatz bestehen bleibt. Familien treffen langfristige Entscheidungen, Selbstständige entwickeln neue Angebote und Unternehmen stellen Mitarbeiter ein, obwohl niemand garantieren kann, wie die Welt in drei oder fünf Jahren aussehen wird. Man könnte das naiv nennen.
Man könnte es naiv nennen
Ich glaube allerdings, dass genau darin ein wesentlicher Teil wirtschaftlicher Entwicklung liegt. Eine Volkswirtschaft lebt nicht davon, dass ihre Bürger jeden Morgen voller Begeisterung Konjunkturprognosen lesen. Sie lebt davon, dass Menschen bereit sind, Entscheidungen zu treffen, obwohl die Zukunft unsicher ist, davon, dass Unternehmer investieren, obwohl es keine Garantie gibt. Gründer gehen Risiken ein, obwohl ein Scheitern möglich ist. Unternehmen bilden junge Menschen aus, obwohl niemand genau weiß, welche Fähigkeiten in zehn Jahren besonders gefragt sein werden. Der Fortschritt entsteht selten unter vollkommen sicheren Bedingungen. Und gerade deswegen entsteht er meist trotzdem.
Die Krise haben deshalb offenbar häufig die anderen. Natürlich stimmt dieser Satz nicht wörtlich, denn die Probleme sind real und einige von ihnen sind für einzelne Menschen und Unternehmen sehr konkret und schmerzhaft.
Die Entscheidung liegt noch immer bei uns
Trotzdem steckt in diesem Widerspruch eine wichtige Erkenntnis. Zwischen den großen wirtschaftlichen Diagnosen und der tatsächlichen Entwicklung eines Landes liegen Millionen individueller Entscheidungen. Dort werden Unternehmen gegründet, Investitionen beschlossen, Innovationen entwickelt und Mitarbeiter eingestellt. Dort werden Fehler gemacht, Geschäftsmodelle verändert und neue Wege gesucht. Genau dort entscheidet sich, ob aus schwierigen Rahmenbedingungen eine dauerhafte Abwärtsspirale entsteht oder die Grundlage für einen neuen Aufschwung.
Vielleicht sind wir deshalb weniger hilflos, als es uns die täglichen Krisenmeldungen manchmal glauben lassen. Vielleicht ist unsere Anpassungsfähigkeit größer, unsere Kreativität stärker und unser eigener Handlungsspielraum bedeutender, als wir uns selbst zugestehen. Die Krise können wir nicht immer verhindern. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen können wir als Einzelne nur begrenzt beeinflussen. Wir können auch nicht jede politische Entscheidung verändern und nicht jede globale Entwicklung kontrollieren. Aber offenbar haben wir viel häufiger als gedacht die Entscheidung darüber in der Hand, wie wir auf all das reagieren – und damit auch, was daraus wird.
Es liegt in den Händen und in der Verantwortung jedes Einzelnen.
Über den Autor
Bernd Kiesewetter ist als erfahrener Unternehmer, Coach und Mentor vieler bekannter Persönlichkeiten, mehrfacher Buchautor und durch seine jahrelangen Radioauftritte bekannt als „Berlins Erfolgscoach Nummer Eins“. Seit vier Jahrzehnten in den verschiedensten Branchen tätig – in der Spitze mit sieben Unternehmen und 150 Mitarbeitern gleichzeitig – hat er unglaublich viele Höhen, Tiefen und Aha-Momente gesammelt, durch die er heute persönliche und unternehmerische Unterstützung wie kaum ein anderer bietet. Seine Themen sind Wachstum, Krisen und Neuausrichtung. Seine Arbeit steht unter dem Leitmotiv Verantwortung – für sich selbst, die Mitarbeiter, das Unternehmen und die Gesellschaft. Sein Motto ist ebenso einfach wie vielschichtig: Haltung. Wirkung. Ergebnisse. https://www.berndkiesewetter.com


